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Buchbesprechung "Milk, Money, and Madness" von N. Baumslag

Prof. Dr. Baumslag erklärt die Wichtigkeit des Stillens und die Probleme der Flaschenmilch mit so vielen Fakten, dass jede werdende Mutter das wissen sollte.

Collage Buch "Milk, Money, and Madness" und rechts daneben Text.© CC-by-sa 2.0, Collage Catalina Sparleanu, PhD, Foundation Diet Health Switzerland

Fazit

Das Werk dokumentiert anhand von wissenschaftlichen Studien eindrücklich die Wichtigkeit des Stillens von Säuglingen über eine längere Zeit als bei uns oft üblich. Optimal wäre eine einjährige Stillzeit, wobei nach einigen Monaten Beikost gegeben werden kann.

Das Buch behandelt nicht die Umstellung, die eine Wöchnerin erlebt (Wochenbett, Kindbett), umschreibt aber die Wichtigkeit des Kolostrums und der auf das Kind abgestimmten eigenen Milch.

Zudem sollte die Beikost keine artfremde Milch enthalten und auch die stillende Mutter sollte keine Milch oder Milchprodukte konsumieren. Wir lernen aber noch viel mehr über das Stillen, das direkt anwendbar ist. Prof. Baumslag betont: "Kuhmilch ist für junge Kälber".

Um sich umfassend über die Gesundheitsprobleme zu informieren, die Milch und Milchprodukten bei Kindern und Erwachsenen verursachen können, müsste man das Buch Milch besser nicht! von Maria Rollinger lesen - oder zumindest diese Buchbesprechung zum Buch von ihr.

Collage mit zwei Gemälden: Die beiden ganz unterschiedlichen Bedeutungen der weiblichen Brust.© CC-by-sa 2.0, Collage Catalina Sparleanu, PhD, Foundation Diet Health Switzerland

1. Zusammenfassung

Die Autorinnen schöpfen aus 190 Arbeiten, die sie pro Kapitel auflisten. Prof. Dr. med. Naomi Baumslag ist eine Kinderärztin, die nebst der Lehrtätigkeit als Universitätsprofessorin auch in internationalen Organisationen wie USAID, UNICEF, WHO mitarbeitete. Sie ist über viele Jahre Präsidentin der WPHN, dem erfolgreichsten internationalen Frauenhilfsnetzwerk. Zu dem hat sie aber auch eine reiche praktische Erfahrung aus verschiedenen Ländern.

Das Buch behandelt praktisch alle Gesichtspunkte und Praktiken im Zusammenhang mit dem Stillen (Brusternährung) und der Schoppenmilch (Babynahrung, Säuglingsnahrung, Folgenahrung) für Säuglinge.

Es zeigt die Gründe für das ganz unterschiedliche Verhalten bezüglich der weiblichen Brust, dem Stillen und insgesamt der Säuglingsernährung. Ein weiteres Thema ist das sexuelle Verhalten während der Schwangerschaft und der Stillzeit in verschiedenen Kulturräumen, Völkern und in verschiedenen Zeiten (Philosophie der Zeit, Zeitpfeil).

Das Verhalten (Sozialverhalten) stimmt meist nicht mit dem natürlichen Bedürfnis überein. Je nach Zeitgeist und Religion gibt es ganz unterschiedliche Verhaltensweisen. Das unnatürliche Verhalten ist oft verbunden mit einer grossen und unnötigen Kindersterblichkeit. Die Irrwege zur Säuglingsversorgung und die gravierenden Folgen sind eingehend beschrieben. Wir erfahren auch wie wichtig flexible Stillzeiten wären.

Es folgen wichtige Gründe für eine lange Stillzeit und grosse Nähe zur Mutter mit co-sleeping. Damit entsteht eine Synchronisation der Schlafintensitäten (Bewusstseinszustand, Schlaf, Schlafstadium) zwischen Mutter und Kind. Das Kind bekommt keinen Grund zum Weinen und Mutter und Kind können ausschlafen und stören auch die übrige Familie nicht.

Auch Praktiken um den Milchfluss anzuregen sind geschildert. Diese und anderes sind für die westliche Welt z.T. wohl kaum verständlich.

Verschiedene Aspekte, so z.B. das Ammenwesen (Amme) führen uns tief in Geschichte und ganz andere Verhaltensweisen als wir sie momentan kennen. Wir erfahren über auch heute noch gepflegte Praktiken beim Stillen, die wir nicht für möglich halten.

Das Buch und dieser Text zeigen auch warum Formulamilch so einen grossen Einzug hatte und hat, obwohl sie qualitativ die Muttermilch nie vollständig ersetzen kann. Es sind ganz logische Gründe und wissenschafltich untermauerte Gründe.

Dazu kommt noch die Geschichte der Boykotte gegen Hersteller von Babynahrung mit dem Hinweis auf die viel höheren Krankheits- und Todesraten, die so entstehen.

Schliesslich verstehen wir auch, warum bezahlter Mutterschaftsurlaub so wichtig wäre und zumindest Mitte der 1990er Jahre in den USA noch nicht gegeben war.

Über die Autorinnen

Naomi Baumslag, M.D., M.P.H., ist Professor für klinische Kinderheilkunde (Pädiatrie) an der Georgetown University Medical School in Washington, DC. Sie ist (auch 2015) Präsidentin des Women's International Public Health Network (WIPHN) in Bethesda MD. Sie wirkte beratend mit bei USAID, UNICEF, WHO, dem Georgia Department of Human Resources, PAHO Foundation (ex PAHEF), in Regierungsstellen mancher Entwicklungsländer und im Gesundheitsrat (Health Council) der La Leche League International (LLLI) und der World Alliance for Breastfeeding Action (WABA).

Dr. Baumslag ist Autorin von mehr als 100 Artikeln und acht Büchern. Dazu hält sie international und in den USA Vorträge. Ihre Website ist baumslag.com.

Dia L. Michels ist eine wissenschaftliche Publizistin für Zeitungen und Zeitschriften weltweit. Ihr Engagement für das Stillen fusst sowohl auf ihrer Forschung als auch auf ihrer Erfahrung durch das Stillen (nursing) ihrer eigenen Kinder während sechs Jahren.

Dies ist das zweite Buch, das sie mit Dr. Baumslag schrieb. 1992 veröffentlichten die Autorinnen "A Woman's Guide to Yeast Infections", Pocket Books (288 Seiten).

Redaction comment

Prof. Dr. med. Naomi Baumslag ist gemäss Open Library die Autorin der folgenden weiteren Bücher:

  • Murderous medicine (2005),
  • Primary Health Care Pioneer (1986),
  • A woman's guide to yeast infections (1992)
  • Family care (1973).

2. Buchbesprechung

Man meint allgemein, dass das Stillen so eine Art hormongesteuerte und selbstverständliche Sache sei. Die Autorinnen klären aber auf, dass das auch bei anderen Primaten eine gelernte Sache ist. Bei uns spielen sich wandelnde Ansichten eine Rolle. Zudem ist je nach Zeitgeist und Gesellschaft die weibliche Brust zum Sexobjekt (Sexsymbol) verkommen.

Kapitel 1: Brusternährung, Glaube und Praxis

Das Kapitel 1 enthaltet folgende Teile und Untertitel:

Teil 1:
Bräuche über das Stillen rund um die Welt; Brüste als Sexsymbol; Sexualtabus; Ernährung während der Schwangerschaft und danach; Essensgelüste während der Schwangerschaft; Befürchtungen zu Schwangerschaft und Geburt; Geburtshilfen; Betreuung der Mutter; Galactagogues (milchtreibende Substanzen); Ansichten zum Kolostrum (Kolostralmilch); Frühgeburt (Frühchen) und zu leichte Neugeborene (Neonatologie); Ist die Muttermilch gut genug?; Stile beim Stillen; Tragearten von Babys; das Einbinden (swaddling); Zeitdauer des Stillens.

Teil 2:
Ammenwesen, Ersatznahrung und Heilungsqualitäten von Brustmilch; Selektion von Ammen; Sklavinnen als Vermehrungsobjekt und Ammen; Muss man ein Kind gebären, um Milch geben zu können?; Milchersatznahrung; Muttermilchpumpen; Milchbanken für Muttermilch; Interspezies-Stillung; Stillen von Alten; Die Heilqualitäten von Brustmilch.

2.1. Stillen, Meinungen dazu und die Praxis

Die Autorinnen zeigen wie abhängig Geburt und Mutterschaft von Religion und Gepflogenheiten abläuft. Juden, die nach dem Talmud (Tora) leben, sollten ein Kind mindestens zwei Jahre stillen (S.5). Vor allem bei vermögenden oder reichen Familien geschieht gerne das Gegenteil.

Collage von drei Fotos über das Stillen mit Text darüber.© CC-by-sa 2.0, Collage Catalina Sparleanu, PhD, Foundation Diet Health Switzerland

Obwohl man weiss, dass Kinder mit langer Stillzeit bessere Lebenserwartungen haben, ist das Stillen inkl. dessen Dauer eine wechselnde Modesache. Manchmal gilt das Stillen als widerlich, unweiblich oder ungesund.

Was von wohlhabenden (Wohlstand) oder reichen Leuten (Reichtum) ausgeht, kopiert man dann auch gerne.

Beispielsweise konnten Chinesinnen der oberen Klassen gar nicht stillen, da sie völlig eng inklusive flacher Brust eingekleidet waren.

Die Brust wurde zum Sexobjekt

In den USA durften Frauen zumindest in gewissen Staaten nicht öffentlich stillen, nicht einmal in einem geparkten privaten Wagen, auch wenn es nur Verweise der Polizisten waren, keine Klagen.

Die Brust wurde zum Sexobjekt und die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) bekam in den frühen 1980er-Jahren von der American Society of Plastic Surgeons (ASPS) folgende Information:

There is a substantial and enlarging body of medical information and opinion to the effect that these deformities (small breasts) are really a disease (that left uncorrected, results in a) total lack of well being. (S. 7)

Mit anderen Worten seien kleine Brüste eine Krankheit, die man bekämpfen müsse!

Sie erreichten, dass allein im Jahr 1990 sich in den USA 130-tausend Frauen Ihre Brüste mittels Operation vergrössern liessen. Trotz den gesundheitlich negativen Konsequenzen und einzelnen Todesfällen hatte die FDA nicht einmal orientierend eingegriffen.

Die Autorinnen greifen das Thema der Tabuisierung (Tabu) von Geschlechtsverkehr während des Stillens auf. Tatsächlich hat das gute Gründe, denn Kinder, die zu rasch nachkommen, zeigen in ursprünglichen Kulturen bedeutend höhere Sterblichkeitsraten oder sind später benachteiligt.

Das Gleiche zeigt sich bei ungestillten oder zu kurz gestillten Kindern. Im Buch finden wir einige Zahlen darüber. Zudem finden wir einige konkrete Beispiele von verschiedenen Völkern.

Das Thema der Tabuisierung von Geschlechtsverkehr

Besonders in Afrika dürfen in einigen Stämmen die stillenden Mütter keinen Sex mit dem Mann haben. Beispielsweise glaubt man in der Zulu-Tradition, dass ein Mann impotent wird, wenn ein Tropfen Brustmilch auf seine Haut fällt. (S. 8)

So drängen die Männer ihre stillenden Frauen seit einigen Jahrzehnten zum raschen Abstillen mit Umstellung auf Schoppenmilch, was unsere Milchkonzerne fördern.

Kommt dazu, dass Estrogene (Östrogene) in Verhütungspillen (Antibabypille) wesentlich weniger Milch fliessen lassen. Durch Geburt (Entbindung, Niederkunft) im Spital gilt das sexuelle Tabu nicht. Das bedeutet eine kürzere Zeit bis das nächste Kind erscheint – mit all den damit verbundenen Nachteilen.

Das Oxytocinhormon (Oaxytocin, Oxitozin), das für den Geburtsprozess und während des Stillens entsteht, hilft der stillenden Mutter ruhig und pflegend zu sein, lässt aber auch die Scheide trockener, so dass Sex unangenehm sein kann. Die Natur hat eigentlich vorgesorgt, dass das Kind ohne rasch folgende weitere Geburt sich besser entwickeln kann, doch setzen wir uns darüber hinweg. (S. 10)

Auch die Vorschriften über die Ernährung für schwangere oder stillende Mütter ist je nach Gegend und Zeitgeist völlig unterschiedlich. In gewissen Gegenden von Tunis essen Frauen keine Eier, doch bei anderen Völkern gilt das Gegenteil und stillende Frauen sollen täglich zwischen sechs und acht Eier essen.

Die Autorinnen besprechen völlig absurde und schädigende Verhalten bis hin zu gesunden Ansichten.

Alkohol, Kuhmilch und Kokosnuss

Man weiss noch nicht so lange wie schädlich das Trinken von Alkohol durch schwangere Mütter sich auf das Kind auswirkt – auch in kleinerem Mass bei stillenden Müttern. In Sierra Leone darf eine schwangere Frau keinen Alkohol trinken.

In Sri Lanka ist den stillenden Müttern das Trinken von Kuhmilch verboten, andere dehnen das auch auf die Kokosnuss aus. Beide Nahrungsmittel können allergische Reaktionen hervorrufen. (S. 13)

Im nächsten Text gehen die Autorinnen auf die speziellen Essensgelüste von Schwangeren ein. Einige sind nicht erklärbar, andere aber schon.

Schon Plato (Platon) beschrieb ca. 400 Jahre v. Chr. das Kosten von Erde durch schwangere Frauen. Bei diesem Verlangen nach "Erde" kann man sich das Versorgen mit Vitamin B12 und gewissen Mineralien vorstellen.

Das Essen von Ton

Aber auch das Essen von Ton war bekannt und ist bei Frauen aus Afrika in den USA noch gängig.

Ton enthält oft viel Eisen und chemische Elemente (Spurenelemente) wie Natrium (Na), Mangan (Mn), Arsen (As), Silber (Ag), Molybdän (Mo) und Uran (U) und weist wegen des hohen pH-Wertes eine bakterientötende Wirkung auf.

Aktuelle Studien belegen, dass eisenreiche Tone aus einigen Vorkommen eine bakterientötende Wirkung haben.

Redaction comment

Natrium ist eines der Elemente, die für alle tierischen Organismen essentiell sind.

Mangan ist ein für alle Lebewesen essentielles Element und Bestandteil von verschiedenen Enzymen.

Arsen gilt als Spurenelement im Menschen, doch die biologische Bedeutung des Arsens für den Menschen ist nicht vollständig geklärt. Für viele Tiere ist Arsen essentiell.

Silber gibt es als Lebensmittelfarbstoff E 174 auch im Speisenbereich, z.B. für Überzüge von Süßwaren wie etwa Pralinen und in Likören.

Molybdän ist als Spurenelement für nahezu alle lebenden Organismen essenziell, da es Bestandteil des aktiven Zentrums einer ganzen Anzahl von Enzymen wie der Nitrogenase, Nitratreduktase oder Sulfitoxidase ist.

Im Märchen Rapunzel der Brüder Grimm (Gebrüder Grimm) wirkt die erwartende Mutter weiss und abgeschwächt. Der zukünftige Vater stielt im Garten des Nachbars Blätter der Rapunzel-Glockenblume (engl. Campanula rapunculus).

Das besondere Nahrungsverlangen bei Schwangerschaft erkennt man heute als Mangelsymptome an gewissen Stoffen.

Man weiss heute, dass die Rapunzelblätter und andere grüne Gemüse reich an Folsäure (Vitamin B9, Folat) sind.

Rapünzel

Blüte der Rapunzel, Campanula rapunculus.© CC-by-sa 3.0, Fornax, Wikipedia

Wikipedia: Fürwitzlein (Elsaß, Sachsen), Rapünzel (Mark Brandenburg), Rapünzelin, Rapünzle (Bern), Rapünzlein (Zürich), Rapunzel und Rübenrapunzel.

Die Wurzel ist fleischig verdickt und als wohlschmeckendes Wurzelgemüse wie Echter Sellerie (Apium graveolens) oder Rote Bete zubereitbar. Rohe Wurzelscheiben und Blätter ergeben einen Salat.

Im Mittelalter hat man die Pflanzen im Garten kultiviert.

Im Elsass und in der Schweiz baute man die Art noch zwischen 1906 und 1929 an. Ähnlich wie beim Feldsalat (Valerianella locusta) erntete man im Winter auch die Rosettenblätter.

Im Buch verwenden die Autorinnen den Namen "Rampunion", doch heisst die Pflanze Rampion.

Kurz gehen die Autorinnen auf die Methoden des deutschen Arztes Prochownik ein, der schwangere Frauen mit zu kleinem Becken oder Becken mit ungünstiger Form hungern liess. Dies, um das Gewicht der Neugeborenen zu senken und damit eine leichtere Geburt zu erzielen. Das hatte zum Teil fatale Folgen für die Kinder. Ursache der ungünstigen Form sollen oft Rachitis (eher Osteomalazie?), also Mangel an Sonnenlicht bzw. Vitamin D, Kalzium oder Kalium sein. (S. 14/15)

Auch die Geburtshilfen und die spätere Unterstützung der jungen Mütter durch Verwandte ist ein Thema, ganz im Kontrast zur heutigen Industriegesellschaft.

Mehr und mehr erkennt man wie wichtig das Kolostrum, also die Milch der ersten Tage für ein Kind ist. Aber lange glaubte man, dass diese anders gefärbte und etwas zäher fliessende Milch für das Kind schädlich sei. Deshalb hat man das Kolostrum in gewissen Zeiten/Kulturen den Kindern vorenthalten. Das führte zu vielen frühen Todesfällen und später zu weniger Resistenz bei Krankheiten.

Ähnliche gravierende Fehler in manchen Kulturen

So liess schon zweihundert Jahre vor Christus die indische Ayurvedische Medizin (Ayurveda) das Kolostrum wegschütten! Die Methode von Ayurveda empfahl dafür, dem Baby in den ersten vier Tagen Honig und Butterschmalz zu geben: As far back as the second century BC, Indian Ayurvedic medicine recommended honey and clarified butter for the newborn's first four days, during which the birth mother's colostrum was expressed and discarded. (S. 24)

Das passierte aber auch zu den biblischen Zeiten. Die Autorinnen beschreiben ähnliche gravierende Fehler in manchen Kulturen, z.B. in Guatemala, Afghanistan, Sierra Leone und Lesotho.

Dazu empfahlen die Ärzte der Griechen, Römer und später der Franzosen, Engländer etc. bis ins achtzehnte Jahrhundert unkritisch und unreflektiert das Gleiche.

Der britische Arzt, Dr. Ettmueller, kam in grossen Konflikt mit der Ärzteschaft, indem er 1699 empfahl, das Neugeborene von Anfang an mit dem Kolostrum zu stillen. Aber es mussten 50 Jahre verstreichen, bis der

Aufruf von 1748 durch den Arzt William Cadogan mehr Wirkung zeigte:

The mother's first milk is purgative and cleanses the child of its long hoarded excrement; no child can be deprived of it without manifest injury. (S. 24)

Redaction comment

Wikipedia nennt William Cadogan (1711-1797) als den ersten Arzt, der sich für die völlige Abschaffung des Wickelns aussprach. Dies in der Abhandlung von 1748: "An Essay upon Nursing and the Management of Children, from their Birth to Three Years of Age".

Davor war straffes Einpacken die Regel.

Davor war die frühe kindliche Sterblichkeit sehr hoch und Fildes zeigt 1980, dass allein diese Massnahme 16 % der Kindersterblichkeit (Säuglingssterblichkeit) verhinderte.

Trotzdem pflegen Mütter mit Unterstützung der Industrie speziell in den USA zum Teil andere Praktiken, indem sie zuerst Zuckerwasser geben. Dazu erhalten sie von der Industrie spezielle Flaschen. Das macht die Pflege im Säuglingssaal der Spitäler natürlich einfacher – zu Lasten der Neugeborenen. Damit sind sie auch gerade an die Flasche gewöhnt, statt an die Brust …

In seltenen Fällen mag das die Zeit überbrücken bis die Brustmilch einschiesst. Doch sogar in heissen Gebieten haben Neugeborene keine anderen Ernährungsbedürfnisse als Muttermilch, möglichst der eigenen Mutter, auch wenn deren Milch nicht sofort einschiesst.

Danach gehen die Autorinnen noch auf die Frühgeburten und auf Kinder mit Untergewicht ein (S. 25). Sie kritisieren vor allem auch, dass Kinderärzte nur auf die Gewichtszunahme schauen und wenn sie damit nicht zufrieden sind, eine zusätzliche Formelmilch empfehlen, statt den Zustand der Mutter und deren Ernährungsgewohnheiten zu klären und da korrigierend einzugreifen. Dabei hat Soranus von Ephesos das 1800 Jahre zuvor schon empfohlen.

Das Baby das Trinken verlangen zu lassen

Leider hat Anfangs des 20. Jahrhunderts der Arzt Truby King aus Neuseeland die Mode eingeführt, Kinder alle vier Stunden die Brust zu geben, statt das Baby das Trinken verlangen zu lassen.

Zudem schielte man auf den Fettgehalt und gab Schoppen-Zusätze statt wiederum der stillenden Mutter Ernährungsratschläge zu geben und etwas über das Umfeld zu erfahren. Das Programm gab es auch in England. (S. 28 + 125)

Die Autorinnen gehen noch auf weitere Veränderungen und Unterschiede in Kulturen bezüglich Art des Stillens und Tragens des Säuglings ein und vermissen, dass die Säuglinge nicht mehr bei den Eltern im Bett schlafen, wie das traditionell der Fall war. Die Störung durch das Stillen wäre so wesentlich kleiner, weil das Baby die Milch schon beim ersten Verlangen sofort und unumständlich bekommen würde.

Studien lassen vermuten, dass Mutter und Kind so durch das Prolaktin (PRL, laktotropes Hormon LTH, Lactotropin) eine mysteriöse Verbindung haben und eigentlich wie im Traum voneinander wissen, dass jetzt Milch nötig sei. Die Schlafmodi von Mutter und Kind gleichen sich dann so an, so dass die wichtigen Tiefschlafperioden (Schlafzyklus, Hypnogramm bzw. Schlafprofil, Polysomnographie, PSG) bei beiden erhalten bleiben. (S. 31)

Ein inneres Uhrwerk und der zentrale zirkadiane Schrittmacher

Ein inneres Uhrwerk sorgt für einen stabilen 24-Stunden-Rhythmus wie den Schlaf-Wach-Rhythmus und für viele endoktrine Prozesse wie die Produktion von Cortisol und Melatonin.

Zentralnervöse Funktionen zeigen einen klaren, endogen gesteuerten Tagesrhythmus, was man als zirkadiane Uhren bezeichnet (Circadiane Rhythmik). Siehe auch zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmusstörung und die Neurobiologie der Bindung (zwischen Mutter und Säugling). Siehe Co-Sleeping.

Für mich bedeutet Schlaftraining der falsche, unnatürliche Weg, auch wenn niemand Studien darüber veröffentlicht hat...

Der zentrale zirkadiane Schrittmacher befindet sich im Nucleus suprachiasmaticus (SCN) des ventromedialen Hypothalamus.

Nervenzellen des SCN exprimieren rhythmisch Uhren-Gene. Auch in peripheren Organen wie Leber, Pankreas, Niere, Nebenniere, Herz und Lunge befinden sich molekulare zirkadiane Rhythmen. Der Hypothalamus steuert diese peripheren Uhren.

Man weiss heute: Wer nachts in der inaktiven Phase isst, entkoppelt den zentralen zirkadianen Schrittmacher im Nucleus suprachiasmaticus (SCN) von den anderen inneren Uhren.

Chronische Störung der zirkadianen Rhythmik kann vermehrtes Auftreten von Herz-Kreislauf-Symptomen, Übergewicht, Typ-2-Diabetes und Krebs verursachen.

Das "Uhren-Gen" hat man wohl zuerst bei Drosophila melanogaster erforscht.

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Zur Symbiose zwischen Mutter und Kind aus Wikipedia: Margaret Mahler definiert den Beginn der symbiotischen Phase etwa im zweiten Lebensmonat, innerhalb der oralen Phase. Das Kind ist körperlich und seelisch von der Mutter abhängig.

"Es kann noch nicht zwischen Innen und Außen unterscheiden, zwischen sich und Gegenständen, zwischen sich und der Mutter. Es erlebt die Mutter noch als Teil seiner Person, sich als untrennbare, symbiotische Einheit mit ihr."

"Die Mutter muss sich in die Bedürfnisse des Kindes einfühlen, um für deren Befriedigung sorgen zu können, da sie dem Kind selbst noch nicht bewusst sind. Steht die Mutter dem Kind in der symbiotischen Phase angemessen zur Verfügung, kann es das grundlegende Sicherheitsgefühl und Urvertrauen entwickeln. Diese Beziehung zwischen Mutter und Kind bildet die Grundlage für spätere Beziehungen."

Siehe auch das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung des Psychoanalytikers Erik H. Erikson (1902 - 1994).

Zum Glück haben wir das feste Einpacken (swaddling) von Kindern nach vielen Jahrhunderten endlich abgelegt, schreiben die Autorinnen und beschreiben Gründe für verschiedene Völker, die das einführten. Dabei führt das zu Entwicklungshemmungen von Muskulatur und Koordinationsfähigkeit und in einigen Fällen zu medizinischen Problemen für Lunge, Arterien oder Venen.

Die Kinder sollten unbedingt Brustmilch erhalten und frei in ihren Bewegungen sein

Die bekannte Anthropologin Ruth Fulton Benedict (1887-1948) meinte, dass Frauen sogar um das bessere Einpacken als andere wetteiferten. Dazu brachte sie Beispiele für Russland und Rumänien.

In den 1740er-Jahren warnte der Arzt William Cadogan vom Foundling Hospital in London, dass die Kinder unbedingt Brustmilch erhalten und frei in ihren Bewegungen sein sollten.

Eine türkische Studie bewies, dass das Einpacken zu mehr Lungenentzündungen führt.

Trotzdem ist das noch heute die Praxis in osteuropäischen Gegenden, in Asien, dem Mittleren Osten inklusive der Mongolei, Afghanistan, Türkei und Griechenland.

Wie lange soll man Säuglinge stillen?, ist die immer wieder auftauchende Frage, die der U.S. Surgeon General, Frau Dr. Antonia Novello im Jahr 1990 so beantwortete:

The American Academy of Pediatrics says that babies should be breastfed until age one. … It's the lucky baby I feel who continues to nurse until he's two. (S. 35)

Die Sitten sind sehr von der Kultur abhängig. Die Autorinnen sind der Ansicht und begründen, dass man unbedingt bis Alter sechs Monate voll stillen sollte, um danach langsam zusätzliche Nahrung zu geben.

Eine gesunde Mutter mit genügend Milch kann auch länger voll stillen, doch nach neun Monaten ist das alleinige Stillen zu hinterfragen.

Stilltypen

Wie unterschiedlich das Verhalten sein kann, zeigt, dass bis in den 1820er-Jahren englische Frauen in East Lincolnshire Kinder bis Alter sieben und acht Jahren Brustmilch trinken liessen. Auf den Solomoninseln soll das Stillen bis Alter 15 vorgekommen sein.

Zusätzliches Stillen ist noch immer die beste Methode, obwohl im Jahr 1991 in Syracuse NY, USA, eine Mutter verurteilt wurde, weil sie länger als zwei Jahre stillen wollte. Man nahm ihr sogar das Kind vorübergehend weg.

Die Religion der Moslems veranlasst Mütter bei Zwillingen dem Sohn Brustmilch zu geben und der Tochter einen Ersatz, was zu erschreckender Ungleichheit führt, wie UNICEF aus dem Children's Hospital Islamabad, Pakistan, zeigt.

Der Arzt hatte ihr das so geraten, was dazu führte, dass die Tochter schliesslich an Unterernährung (Marasmus) starb. Auf Seite 37 zeigen die Autorinnen das Bild, das die Mutter der UNICEF als mahnendes Beispiel zur Veröffentlichung gab. (S. 37)

2.2. Ammenwesen bis Heilqualitäten von Brustmilch

Das Ammenwesen (Amme) entstand um Kinder zu retten, deren Mutter starb oder keine Milch geben konnte. Später haben reiche Familien das zu ihrem Standard ausgebaut. Das taten schon die Pharaonen in Ägypten.

Heute wissen westliche Menschen mit der Stillung durch eine Ersatzmutter nicht viel anzufangen und bekommen gemischte Gefühle bei diesem Gedanken. Der Grund sind die Ersatzprodukte, die Todesfälle wegen Mangel an Muttermilch zu verhindern versuchten und heute auch verhindern können.

Ammen in verschiedenen Kulturen und Zeiten

Die meisten Ägypter, Babylonier und Hebräer gaben während ca. drei Jahren Muttermilch, doch reichere Griechen und Römer verwendeten Sklavinnen als Ammen.

Die Autorinnen gehen beim Thema Ammen ebenfalls ins Detail und berichten über die verschiedenen Kulturen und Zeiten.

Sie bringen unter anderem die Geschichte der Amme Judith Waterford, die 1831 im Alter von 81 Jahren stolz zeigte, dass sie noch immer Milch in der Qualität junger Frauen geben kann. Im Alter von 75 Jahren beklagte sie, dass sie nur noch Milch für ein Kind habe und kein zweites mehr annehmen könne.

Die meisten Menschen glauben, dass nur eine Frau, die ein Kind gebar, auch Milch geben könne, dabei reicht das Saugen über die Zeit von zwei bis drei Monaten, indem man täglich sachgemäss eine Brustmilchpumpe (Pump-Stillen) verwendet.

Siehe auch Induzierte Laktation bzw. Relaktation und erotische Laktation. Manchmal kommt in dieser Zeit keine Milch zum Vorschein, doch wenn dann ein Säugling beginnt zu trinken, schiesst die Milch ein. (S. 52)

Collage mit Gemälde: "Ludwig XIV. Und die Dame Longuet de La Giraudière", 1640, Charles Beaubrun.© CC-by-sa 2.0, Collage Catalina Sparleanu, PhD, Foundation Diet Health Switzerland
Die Autorinnen zeigen Beispiele von cross nursing unter dem Titel surrogate feeding. Bei diesem Verfahren stillt die eine Frau die Kinder zu einer Zeit, wenn die andere Frau arbeitet und umgekehrt. Wet nursing hingegen ist das Ammenwesen (wet nurse, engl.). Zum Teil helfen auch Grossmütter aus. Im Westen kann man sich das heute nicht einmal mehr vorstellen, dabei findet man auch Passagen in der Bibel, wo Naomi (engl., auch Noemi) als Amme für das Kind von Ruth, ihrer Schwiegertochter, stillt.

Wet nursing und Brustmilchbanken

In verschiedenen Gebieten Afrikas ist diese Methode noch heute nicht ungewöhnlich. Aber sogar Margaret Mead hatte 1933 Mühe mit dem Verständnis, wie die Autorinnen mit einem Zitat zeigen.

Aus Zeitungsartikeln oder im Charleston Medical Journal and Review kann man für 1874 lesen, wie eine 60jährige Frau einem Kind aus Spielerei während drei Wochen die Brust gab und dann erstaunt feststellte, dass nach dieser Zeit Milch erschien, schliesslich in grösserer Menge als die der Kindsmutter.

Die Autorinnen beschreiben auch das richtige Vorgehen, um Milch anzuregen inkl. der Beschreibung von Brustmilchpumpen. Schliesslich erklären sie auch Brustmilchbanken, die man speziell in Kinderspitälern pflegt oder pflegte. Man kann diese Milch wohl kühlen, sollte sie aber nicht erhitzen. Als Beispiele für Brustmilchbanken sind Schweden und Dänemark genannt, wo Frauen kontrollierte Brustmilch bis zur Stillzeit von drei bis vier Monaten zu einem guten Preis verkaufen können.

In Osteuropa lebt diese Tradition noch mehr. Beispielsweise hatte man in der DDR von 1989 noch 200 tausend Liter Muttermilch gesammelt. Allerdings gibt oder gab es in den USA ebenfalls acht Brustmilchbanken und eine in Kanada. Nun ist diese Milch pasteurisiert, um der Gefahr von HIV und Hepatitis zu begegnen.

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Eine Liste der heutigen Milchbanken in Nordamerika zeigt 3 für Kanada, 19 für die USA und 7 die entstehen sollen. Siehe hmbana.org/locations.

In Finnland hat sich aber gezeigt, dass die Infektionsraten von Säuglingen höher sind als bei nicht pasteurisierter Brustmilch. Noch schlimmer erging es aber den Kindern in Kanada, wo man die Datenbank für Brustmilch aufgab, statt Pasteurisierung einzuführen. (S. 57)

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