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Buchbesprechung „Lügen Lobbies Lebensmittel“

Lügen Lobbies Lebensmittel orientiert über die Zustände in der EU. Das faktisch reichhaltige Buch wirkt kritisch. Beispiele zeigen das Ausmass der Misere.

Links Abbildung Buch, rechts Collage mit Text: Essen mit politischem / wirtschaftlichem Interesse.© CC-by-sa 2.0, Collage Catalina Sparleanu, PhD, Foundation Diet Health Switzerland

Fazit

Das Taschenbuch von 1998 behandelt die grosse Problematik einer überaus starken Lebensmittelindustrie. Milliardengewinne erlauben den international operierenden Firmen, das Verhalten der Konsumenten und die Entscheidungen in der Politik nach ihren Kriterien zu bestimmen. Das Buch erschien einige Jahre vor dem tiefer greifenden Werk Salt Sugar Fat von Michael Moss, das bis jetzt nur in Englisch existiert.

Lügen Lobbies Lebensmittel orientiert vor allem über die Zustände in der EU. Das mit Fakten belegte Buch wirkt recht kritisch. Zahlreiche Beispiele weisen auf das Ausmass der Misere hin. Die Botschaft ist eindeutig und gut begründet:

Text-Collage mit ein paar Gemüsen rechts: Weg von Fertignahrung, hin zu naturnaher Ernährung & Bio.© CC-by-sa 2.0, Collage Catalina Sparleanu, PhD, Foundation Diet and Health Switzerland

Insgesamt gibt es aber keine Aufforderung oder gar ein Drängen der Autorinnen. Sie schildern einfach Fakten. Schlüsse sind uns überlassen.

Im Kapitel "Was tun" bekommen wir Ideen und Tipps für individuelles Handeln. Die EU-Politik ist dort beleuchtet, wo sie grosses Unheil anrichtete. Dazu erfahren wir am Ende des Kapitels je sechs Ideen für politisches und für individuelles Handeln. Die Autorinnen Ingrid Reinecke und Petra Thorbrietz beschreiben Zustände, die heute, nach 15 Jahren, nicht viel anders sind.

1. Zusammenfassung

Der Klappentext: Wer sich nicht wehrt, isst verkehrt: Unter diesem Motto informiert dieses Buch darüber, was Essen mit Politik zu tun hat – und was sich gegen die neuen Lügen der alten Lobbies tun lässt. Was Sie essen, wie Sie sich ernähren, was letztlich auf Ihren Tellern landet, ist weniger eine Frage Ihres Geschmacks als vielmehr politischer oder wirtschaftlicher Interessen. Dabei wird, was in Deutschland oder Österreich, in Frankreich oder Italien auf den Tisch kommt, längst nicht mehr von nationalen Behörden bestimmt, sondern von der Europäischen Union; und die muss sich nach den Gesetzen des Weltmarkts richten. Im Zeitalter der Globalisierung und Unternehmenskonzentration bedeutet dies, dass ganz wenige grosse Unternehmen letztlich bestimmen, wie Sie Ihren Tisch decken.

Bemerkungen

Die von mir im Text eingestreuten Bilder dienen zur Auflockerung und zur Unterbringung von eigenen Anmerkungen. Das Buch zeigt keine Bilder. Hier stammen sie von Wikipedia, sind selbst aufgenommen oder sind "Public Domain".

Inhaltsverzeichnis und meine Bemerkungen

Bauernopfer - Die Abschaffung der Landwirtschaft
Moral auf Europäisch - Chacun à son goût
Faule Argumente - Vom Feld auf die Müllkippe
Geschmacksfragen - Von Trockensuppen und Nassfertiggerichten
Machtpolitik - Die Diktatur des Standards
Etikettenschwindel - Die Schweine-Internationale
Kettenreaktionen - Der Handel und seine Verbraucher
Bakterien vom Fliessband - Frisch ist, was nicht krank macht
Kodex des Essens - Verbraucherschutz als Handelshemmnis
Was tun? - Die Macht des Konsumenten
Info-Teil

Die einzelnen Kapitel sind mit einer Art "Unterbezeichnung" versehen, die jeweils mit "oder:" beginnen. Jedes Kapitel ist in einige Themen aufgeteilt.

Redaction comment

Ich habe zahlreiche Begriffe mit Wikipedia verlinkt (kursiv), Stand Oktober 2013. Beiträge bei Wikipedia sind oft nicht objektiv.

Es schreiben auch Leute im Auftrag von Interessenvertretern, eine Gegendarstellung ist dann oft nicht möglich. Auch eindeutig kritische Beiträge fehlen: z.B. ein Text über "RecombinedBovineSomatotropin" (rBST) oder "Hormonskandal". Ein Eintrag über den Anbauverband der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau (AGÖL) fehlt, doch die Nachfolgeorganisation (2002), Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) ist kurz beschrieben.

Andere Beiträge sind stark durch das im besprochenen Buch beschriebene Establishment beeinflusst. Im englischsprachigen Teil kommt eher eine Gesamtsicht zum Vorschein. Nicht kursive Verlinkungen öffnen eigene Beiträge oder sind Anker.

Collage von braunen Eiern rechts mit Text über häufig falschen Deklarationen von Eiern (>30 %).© CC-by-sa 2.0, Collage Catalina Sparleanu, PhD, Foundation Diet and Health Switzerland

Amazon bringt keine Besprechung – aber in Vegetarismus, Heft 99-2 finden Sie: Nachdem Sie dieses Buch gelesen haben, wissen Sie, weshalb die EU Subventionen für Lebendtiertransporte quer durch Europa bezahlt. Oder weshalb die Gurke nicht mehr krumm ist (Weil sie der EG/UNO-Qualitätsnorm FFV-15 entsprechen muss) und weshalb griechischer Spargel nur halb so teuer ist. Was wir essen müssen, ist eine Frage politischer oder ökonomischer Interessen. Dieses Buch zeigt die Machtstrukturen und die fehlenden Kontrollmechanismen der EU deutlich auf.

Zusammengefasste Kurzbesprechung (nicht von mir)

Man erkennt: Die EU ist in ihrer heutigen Form unfähig, für das wohl (sic!) seiner Bürger zu sorgen (und noch viel weniger für das Wohl der Tiere). Lobbies und undurchsichtige Kommissionen bestimmen, wo es lang geht. Ein Beispiel zum Thema BSE (Rinderwahnsinn): Eine Notiz eines Kommissionsmitgliedes, die der Presse zugespielt wurde, enthält folgende Aussagen: «Man muss diese Angelegenheit herunterspielen, indem man die Leute desinformiert»! Ausgerechnet dieser EU-Beamte war übrigens auch für den Verbraucherschutz verantwortlich...

Nebst der Hors-Sol-Produktion und Bestrahlung der Lebensmittel werden auch die «Milchseen» und «Fleischberge» behandelt. Zu den Eiern ist unter anderem vermerkt: In der EU werden jährlich 300 Millionen «Öko-Eier» verkauft aber nur 50 Millionen werden tatsächlich erzeugt. Grosszügig gerechnet, ist mindestens ein Drittel falsch deklariert.

Ein sehr lesenswertes Buch, das im Anhang viele wichtige Kontaktadressen und weitere Tips (sic!) für Verbraucher enthält.

Möchten Sie mehr über das behandelte Thema wissen? Im Greenpeace-Magazin.de finden Sie eine Kurzvorstellung. Weitere Buchtitel über die Nahrungsmittelindustrie folgen am Ende dieses Beitrags.

Über die Autorinnen

Seite 255: Petra Thorbrietz, geb. 1954, Dr. rer. pol., studierte Journalistik und promovierte über Vernetztes Denken im Journalismus.

Redaktionstätigkeit bei natur, Wochenpost und Die Woche; Fernseh- und Hörfunkautorin. Sie erhielt den österreichischen Staatspreis für Wissenschaftsjournalismus und den Preis der Darmstädter Schader-Stiftung "für die Umsetzung gesellschaftswissenschaftlicher Ergebnisse in der Praxis." Petra Thorbrietz ist auch bei Wikipedia mit ihren Auszeichnungen beschrieben.

Ingrid Reinecke, geb. 1954, arbeitete als Fotografin, Sekretärin und Greenpeace-Campaignerin. Sie realisierte die Wanderausstellung Essen aus dem Genlabor und ist Redakteurin des Süd-Nord-Report (sic!) (ist Nord-Süd-Report).

2. Buchbesprechung

Die beiden Autorinnen aus Deutschland berichten unverblümt über die negative Seite der von der EU diktierten Agrarpolitik. Sie erklären warum das, was bei uns auf dem Teller landet, weniger eine Frage des eigenen Geschmacks als viel mehr eine Frage wirtschaftlicher und politischer Interessen ist. (S. 10)

Immer weniger Unternehmen bestimmen was den rund 370 Millionen Bürgern der EU aufgetischt wird. In kaum einem anderen Sektor ist der Konzentrationsprozess so intensiv wie bei Nahrungsmitteln.

Wie Salt Sugar Fat über die USA, beschreibt auch dieses Buch detailliert das Verhalten von multinationalen Unternehmen z.T. von der Saat bis zum Verkauf von Endprodukten. Diese Firmen bestimmen auch die Pestizide, die zum Einsatz kommen sollen, das Saatgut und wo möglich auch die Gentechnik. Qualität und Gesundheit stehen da nicht im Vordergrund, sondern möglichst raffinierte Fertigprodukte wie Convenience Food, Functional Food oder Novel Food. Eine wichtige Aussage von 1998 (Seite 12): Nur noch vier Prozent der landwirtschaftlichen Produkte in Deutschland kommen im Naturzustand auf den Markt, der Rest verschwindet in den industriellen Essmaschinen. Die Zukunft des Essens, wie sie die Ernährungsstrategen sehen, hat mit Natur nicht mehr viel zu tun. Die Nahrung wird vom Boden abgekoppelt, zu einer formlosen Rohstoffmasse aus Proteinen, Fett und Kohlehydraten mit wechselndem Design.

2.1. Bauernopfer

Es ist spannend zu sehen in welchem Ausmass der Handel Etikettenschwindel betreibt. Auch die Anzahl solcher Delikte ist gross – und die Dunkelziffer? Da geht es um viel Schlimmeres als nur um die Abbildung eines romantischen Bauernhauses auf Packungen von Eiern aus Legebatterien. Denn das Letztere ist heute anfechtbar.

Etikettenschwindel

Aber: Gemäss Martin Wille, Abteilungsleiter Behördliche Lebensmittelüberwachung in Nordrhein-Westfalen, bekam seine Behörde im Jahr 1994 einen Hinweis auf Etikettenschwindel.

Die Stichproben in Düsseldorfer Geschäften und Märkten deckten auf, dass 24 von 26 überprüften Grosshändlern mehr als die Hälfte ihrer Waren umdeklarierten. (S. 17)

Angesprochen sind auch die Probleme, die industrialisierte Nationen in Entwicklungsländer verursachen. Beispiel dazu ist, wie die EU und die USA durch subventionierte Lieferungen systematisch Existenzen von Kleinbauern vernichten.

Das subventionierte Schlaraffenland

Unter dem Titel "Das subventionierte Schlaraffenland" erfahren wir, wie die EU durch Subventionen erreicht, dass vor allem Grossbetriebe die Nahrung unabhängig vom Bedarf produzieren.

Die EWG von 1957 wollte eigentlich das Pro-Kopf-Einkommen der Landwirte steigern und gleichzeitig günstigere Nahrungsmittel erhalten. Damals einigten sich Vertreter Deutschlands, Frankreichs, Italiens und der Benelux-Staaten auf eine Gemeinsame Agrarpolitik (GAP).

Anhand von Beispielen erkennen wir, warum diese GAP grosse Mengensteigerungen und günstigere Preise brachte. Zugleich erläutern uns die Autorinnen die unnötigen und schädlichen Auswirkungen, die in den vergangenen Jahren sogar zugenommen haben. Zum Teil beruht das auf groben Fehlern der Politik. Das Buch betont die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt.

1950 betätigten sich in den sechs Gründerländern der EG 18 Millionen Bauern, 1994 nur noch 4 Millionen.
So legte ein Huhn vor 40 Jahren jährlich 140 Eier. Heute produziert ein Huhn über 300 Eier in seiner nur noch 15monatigen Lebenszeit.

Anmerkung: Bei Wikipedia finden Sie unter Europäische Gemeinschaft einen anderen Eintrag als unter EG.

Es entstanden und entstehen grosse Überschüsse, die mit hohen Subventionen in den Weltmarkt gelangen. Das hat ein Bauernhofsterben und die Verarmung von Bauern in anderen Ländern zur Folge. Auf Seite 24 lesen wir:

In Afrika zum Beispiel wurde hochsubventioniertes Tiefkühl-Rindfleisch zu Dumpingpreisen auf den Markt geworfen, was die regionale Viehwirtschaft unter Druck setzte, die gleichzeitig mit europäischer Entwicklungshilfe gefördert wurde. Noch 1991 zahlte die EG fast 2 000 Millionen Mark an Exporthilfen, um in Westafrika Fleisch für nur 50 Millionen Mark abzusetzen.

Bitte halten Sie einen Moment inne, um die Bedeutung dieser Aussage zu erfassen.

Auch in Europa kamen 80 % der Subventionen nur bei 20 % der landwirtschaftlichen Betriebe an.

Die EU überschwemmte den russischen Markt mit Agrarprodukten zu Dumpingpreisen. Das sind Preise unter den Herstellungskosten.

Dank Subventionen der EU exportierte Europa 1996 z.B. 42'500 Tonnen so billiges Rindfleisch, dass die ganze südafrikanische Region darunter litt. Die Rinderschlachtungen nahmen dort nahezu um 40 % ab. Gleichzeitig förderte die EU dort die Rindfleischvermarktung als Entwicklungsprogramm. Damit optimierte die EU den Absatz von europäischem Interventionsfleisch und vernichtete grosse Teile der lokalen Produktion in Afrika. Betroffen sind aber auch andere wirtschaftlich schwache Länder.

Collage Logo "Live Aid" mit Text über Gründe der Armut in Afrika. Politik und Grossfirmen.© CC-by-sa 2.0, Collage Catalina Sparleanu, PhD, Foundation Diet Health Switzerland

Entwicklungszusammenarbeit

Entwicklungszusammenarbeit ist ein wichtiges Thema. Sir Hans Wolfgang Singer demonstrierte die Verschlechterung der Handelsbilanzen für Länder der Peripherie. Umfassender in englisch erklärt. Die Subventionspolitik der USA und der EU zerstören Betriebe in Entwicklungsländern. Wenn dann Afrikaner mit allen Mitteln in Europa einströmen, dann bleibt dieses Thema aussen vor.

Die Leute strömen nicht deswegen nach Europa, sondern weil wir ihnen mit dieser Subventionspolitik die Lebensgrundlagen entziehen. Politik und Grossfirmen (Abbauer und Exporteure) beuten aus. Im Gegenzug sammelt unsere Gesellschaft für Entwicklungshilfe.
Kritiker der von uns verursachten Zustände in Afrika erwähnen meist nur den Abbau von Rohmaterialien.

Redaction comment

Horizonterweiterung:
Es ist interessant, einmal zu lesen, wie die Ernährung auf der Welt ganz unterschiedlich mit Nahrungstabus belegt ist. Mit anderen Worten beweist das, wie stark wir von Familie, Religion und Umgebung geprägt sind. Wir halten das für selbstverständlich, was wir um uns herum sehen – und anderes Verhalten für abwegig.

"Grossbauern gegen Kleinbauern" lautet das nächste Thema. Dieses behandelt den Plan des Agrarkommissars Mansholt, der so genannt unproduktive Betriebe liquidieren will.

Eine Eierfarm mit 10'000 Legehennen galt als zu klein und damit als unwirtschaftlich.

Wohl verwarf die Politik schliesslich den radikalen Reformversuch Mansholt-Plan, doch nur offiziell. Die politische Organisation förderte einfach nur Betriebe ab einer bestimmten Grösse und der Landwirtschaftsminister Josef Ertl äusserte das Motto Wachsen oder weichen. Doch die Politik stoppte schliesslich auch Ertl's Programm.

Überproduktionen

Trotzdem steigerte die EU z.B. den Einsatz von Kunstdünger um das Fünffache auf 128 kg pro Hektar. Das reduzierte sich später auf 100 kg. Doch die neuen Züchtungen, etwa kurzhalmige Getreidesorten, verlangten nach einem immer höheren Einsatz von Fungiziden und anderen Chemikalien.

Mit Beispielen belegen Reinecke/Thorbrietz wie die falschen Anreize in Europa zu massiven Überproduktionen führten. Jahre zuvor führte das in den USA zu ähnlich negativen Resultaten. Trotzdem: Über die Jahre entstand ein Zickzackkurs zwischen Protektionismus und Freihandel" … "Die Kosten der Landwirtschaftspolitik der Gemeinschaft hatten sich von 1970 bis 1986 versechsfacht. (S. 31)

Die GATT-Verträge traten 1995 in Kraft und die Nachfolgeorganisation, die World Trade Organization (WTO), konnte oder wollte nicht verhindern, dass z.B. Nelson Mandela keinen Wein in die EU exportieren durfte.

Redaction comment

Ein allgemeines Zoll- und Handelsabkommen (GATT) zwischen 23 Ländern gab es ab 1947. Die neuen GATT-Verträge startete man in der Tokio-Runde (1973-1979) und Uruguay-Runde ab 1982, doch die Verträge kamen erst am 15. April 1994 zur Unterzeichnung. Man betrachtete sie als Provisorium, doch dienten sie zur Gründung der WTO und auch danach als deren Dachvertrag.

2.2. Moral auf Europäisch

Das Kapitel befasst sich mit den gefälschten Herkunftspapieren. Mitte der 1990er Jahre warnte Bernhard Friedmann, Präsident des Europäischen Rechnungshofes, dass nach seiner Schätzung die Betrüger jährlich mehr als 10 % der Haushaltmittel der EU abzocken. Beliebt ist der Subventionsbetrug, denn 90 % des EU-Haushaltes sind Zuschüsse, wovon etwa die Hälfte in die Landwirtschaft fliesst. (S. 39)

Transnationale Betrugskreisläufe

Da werden Zollstempel entwendet und gefälscht, Versandpapiere und Rechnungen manipuliert, falsche Tiergesundheitszeugnisse vorgelegt, Beamte bestochen und Waren falsch deklariert oder nachts umgeladen. Während die Südländer am liebsten Wein, Olivenöl und Obst verschieben, konzentriert sich der Norden vorzugsweise auf den illegalen Viehhandel. (S. 39)

Wir erfahren, dass die Gemeinschaft pro Jahr acht Milliarden ECU (Euro) Zuschüsse bezahlt, um mit Unterstützungsgeldern erwirtschaftete Nahrungsmittel wieder zu verschachern. Eine interessante Aussage:

Der Präsident des Europäischen Rechnungshofes, Bernhard Friedmann, berichtet von einem Fall, bei dem 1000 Lastwagen mit polnischem Fleisch und Vieh nach Afrika reisten. Wochenlang bestätigte ein Zollamt in Südspanien, dass die Transporte ordnungsgemäss die EU verliessen. Bis sich herausstellte, dass dieses Zollamt schon seit Jahren nicht mehr existierte. (S. 42)

Nicht unmöglich, dass diese Sendung mit gefälschten Herkunftspapieren gegen Subventionen wieder zur Anmeldung nach Polen kamen. Die interessanteste Betrugsvariante benötigt keine Transporte, nur entsprechende Papiere. Beispiel einer irischen Lieferung:
Offiziell sollten 10'000 Tonnen Rindfleisch aus EU Lagerbeständen nach Italien zur Verarbeitung geschickt und dann – mit besonders hohen Subventionen versehen – in Länder der ehemaligen Sowjetunion geliefert werden. Doch zumindest 200 Tonnen des Fleisches tauchten – im Rohzustand – auf britischen Märkten auf. (S. 43)

Die fehlenden Binnengrenzen liessen neue "transnationale Betrugskreisläufe" entstehen. Ein griffiges gemeinsames Strafrecht fehlt, was die gut organisierten Betrugsnetze gekonnt ausnutzen.

Collage aufgehängte Banknoten mit Text über Fälschungen von Dokumenten gegen Schmiergeld Korruption.© CC-by-sa 2.0, Collage Catalina Sparleanu, PhD, Foundation Diet and Health Switzerland
Die Seiten 46 und 47 enthüllen, wie selbst Länder sich gegenseitig mit Erpressungen austricksen. Alleine für das Jahr 1994 findet sich eine Liste von 1'597 aufgedeckten Unregelmässigkeiten.

Lebende Rinder aus Osteuropa

Die Höhe der Dunkelziffer geht aus dem Text "Schlupflöcher und Datennetze" hervor. Mit UCLAF, IRENE und PRE-IRENE und "grünen Telefonen" (siehe EUR-Lex) möchte die EU Betrügereien bekämpfen. Sie will endlich nicht nur Personen, sondern auch Firmen sanktionieren.

Auf Seite 54 findet sich ein besonders interessantes Beispiel über lebende Rinder aus Osteuropa. Eine Firma exportiert diese nach Italien zwecks Schlachtung, um das Fleisch über Malta wieder in den Osten zurück zu transportieren. Doch das lief ganz anders ab: Sie verkaufte mit Exporterstattungen minderwertiges, umdeklariertes Fleisch nach Gabun. Ungeklärt blieb, wo das eigentliche Fleisch hingelangte. Allein die unberechtigten Exporterstattungen bezüglich Gabun betrugen 24 Millionen Euro.

2.3. Faule Argumente

Der Text zu "Überschuss im Überfluss" demonstriert u.a. den Fall von Unterdrückung kritischer Berichterstattung über die chemische Industrie. Der Film Vergiftet oder arbeitslos vom Medienwissenschaftler Bernward Wember musste zwei Jahre im Giftschrank des Senders warten, bis der Film im Jahr 1982 doch noch zur Ausstrahlung kam. (S. 56)

Millionen Tonnen von Obst und Gemüse sind als unverkäufliche Überschüsse in Erdgruben zu vergraben. Diese verseuchen durch ihren massiven Fäulnisprozess und durch Chemikalien Boden und Grundwasser. Das waren intakte Lebensmittel.

1995 zog der Europäische Rechnungshof eine Bilanz der Wegwerfwirtschaft: Im Rechnungsjahr 1992/1993 wurden insgesamt 4,3 Millionen Tonnen Obst und Gemüse aus dem Handel genommen. Zwei Prozent gingen für wohltätige Zwecke an Krankenhäuser und Schulen, 14 Prozent wurden zu Viehfutter verarbeitet, 24 Prozent zu Industriealkohol vergoren. 60 Prozent aber wurden weggeworfen.

Vernichten scheint billiger als die Organisation der Verteilung – und dabei winken erst noch Millionen von Euros. Unter dem Titel "Matschtomaten und Dosenkohl" lesen wir u.a. wie EU-gesponserte Rohware eine Saftfabrik unverarbeitet durch die Hintertür verlässt, um am nächsten Tag am Liefertor nochmals den Eurosegen zu erhalten. (S. 63)

2.4. Geschmacksfragen

Dieses Kapitel erklärt, was der Wandel "weg vom eigenen Herd" in Bezug auf unsere Gesundheit für Nachteile bringt.

Allerdings fehlen Zahlen über die statistischen Auswirkungen des Wandels hin zu Fertigprodukten. Nur wer sich kritisch mit der Entwicklung auf dem Gesundheitssektor auseinandersetzt kann die Folgen abschätzen.

Gerne betonen Menschen die hohe Lebenserwartung. Diese verdanken wir aber den riesigen Fortschritten in der Medizin. Sie hat das immer schlechtere Verhalten bezüglich Ernährung, Bewegung, Stress etc. mehr als kompensiert.

Collage: diverses "Junk Food" mit Text: Nur 4 % der Erzeugnisse gelangen unverarbeitet in die Küche.© CC-by-sa 2.0, Collage Catalina Sparleanu, PhD, Foundation Diet Health Switzerland

Nun stehen wir an einem Wendepunkt

Die jüngere Generation zeigt in den USA schon eine niedrigere Lebenserwartung als die Vorgängergeneration.

Die Bemerkung des Hochladers zum Bild zeigt wie gut der "bliss point" getroffen ist:

Magnus Manske:

its (sic!) been years since i stopped by for a meal at pinks hot dogs so i decided i needed to come back here. naturally me and megz ordered one of their "super special" hot dogs. all i can is, they were so good that my heart will probably never forgive me, and they're also quite challenging to eat without getting too messy. i still think my favorite hot dogs in los angeles are from the street vendors who sell them bacon-wrapped hot dogs, apparently the city is cracking down on those vendors though...
something to do with health concerns or something to do with permits or some shit like that...
not that it would stop me from ordering one if i see a vendor...

Nicht nur wegen Reduktion der Vitamine, Biovitalstoffe etc. sind Konserve, Tiefkühlkost oder Tütensuppe ein Problem, sondern vor allem wegen den darin enthaltenen Zusatzstoffe.

In Destillierapparaten werden die Nahrungsmittel-Rohstoffe in ihre chemischen Einzelteile zerlegt und dann in Fliessbandtechnik zu neuen Phantasieprodukten zusammengebaut. Dabei geht nicht nur ihr natürlicher Nährwert verloren, zur Erleichterung der Verarbeitung werden auch viele Zusatzstoffe beigemischt: Verdickungs-, Treib- und Antiklumpmittel, Antioxidantien, Enzyme, Aromen, Konservierungsmittel, Alkali, Säuren, Salze und Farben. (S. 73)

Anmerkung: Dabei ist der Ausdruck Destillierapparate zwar falsch oder sehr vereinfachend gewählt, doch im Ganzen stimmt die Aussage.

Wozu kochen? Lebensmittel mit eingebauter Dienstleistung

Das Problem der Geschmacksstoffe (Aroma) erklären sie anschliessend – und nennen die Anzahl von 12'000 künstlichen Geschmacksstoffen auf dem europäischen Markt. Diese und verschiedene "technische Hilfsmittel", wie Kunstharze (Plastik, Kunststoff), sind in der EU nicht deklarationspflichtig.

Anmerkung: Plastik schädigt aber Lebewesen in der Natur, z.T. massiv.

Die Beschreibung einiger der Fabrikationsvorgänge durch Reinecke / Thorbrietz ist anschaulich und nachvollziehbar. Unter dem Titel "Wozu kochen?" lesen wir, dass selbst Spitzenköche in Restaurants und Hotelketten z.T. aus vorgekochten und portioniert abgepackten "Convenience-Produkten" wählen und damit ein "Piatto di Pesce raffinato" offerieren.

Ein vornehmes Lokal an der Hamburger Alster soll dieses Menü Seeteufelkotelett und Scampi vom Grill auf einer leichten Tomatensauce mit frischem Salbei aus Systemkomponenten vom Steakhaus-König Eugen Block auswählen.

Der Koch erhitzt und arrangiert nur noch. Die Industrie nennt das "Lebensmittel mit eingebauter Dienstleistung" (S. 77).

Die Nahrungsmittelindustrie sucht systematisch nach neuen Trends oder setzt sie, z.B. mit "Ethnic Food" – oder mit "Fit durch Food". Natürlich versucht sie auch den Begriff "Health Food" zu strapazieren, nebst dem schon eingebürgerten "Functional Food". Mit Fertigessen für Kranke, Säuglinge, Kleinkinder und Sportler steuert sie interessante Zielgruppen an.

Nutraceuticals (engl)

Problematisch dabei sind die billig zugefügten Zusätze wie Vitamine, Mineralstoffe, Geschmackstoffe, Haltbarkeitszusätze etc. Dazu kommt eine ungesunde Menge Vitamin E - mit dem die Bevölkerung ohnehin ausreichend versorgt ist. Erwähnt ist auch, dass z.B. zu viel Kalzium die Aufnahme von Eisen blockiert – oder zu viel Eisen die Resorption von Zink. (S. 83)

Redaction comment

Anmerkung: Das erinnert an das Prinzip vom Optimum statt Maximum, denn auch bei "guten Stoffen" und/oder wichtigen Stoffen ist ein Zuviel schädlich.

Die Industrie setzt jährlich allein in Deutschland etwa für 2 Milliarden Euro so genannte Nutraceuticals (engl.) in Anlehnung an "Pharmaceuticals" bzw. Arzneimittel um – Tendenz steigend (Stand 1998).

Das Berliner Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) sieht darin sogar eine besondere Taktik: "Hersteller versuchen verstärkt, ihre arzneilich wirksamen Produkte als Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt zu bringen, um eine aufwendige (sic!) Arzneimittelzulassung zu umgehen. (S. 84)

Redaction comment

Anmerkung: Im Jahr 2002 hat die Politik das BgVV aufgelöst. Das BgVV ging zum grossen Teil in das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und zum kleineren Teil in das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ein.

Bei Titel "Rot und rund" finden wir die Auseinandersetzung mit Entwicklungen beim Anbau. Die EU fordert dann noch keine Hinweise bzw. Unterscheidungsmerkmale bezüglich Herkunft und Produktionsart auf den Lebensmittelverpackungen. Heute sind zumindest minimale Angaben z.T. nötig, wie dieser Link zu Gesundheit und Verbraucher zeigt. (Der direkte Link ist weg, also muss man leider suchen.)

Bereits heute entstehen etwa 40 Prozent aller auf dem Markt befindlichen Lebensmittel unter Einsatz gentechnisch hergestellter Enzyme, Stärken, Vitamine und Zusatzstoffe

Der Biophysiker und Lebensmittelexperte Fritz A. Popp weist z.B. anhand von Biophotonen-Messungen darauf hin, dass der Energiehaushalt der Pflanzen (Energiebilanz) verändert ist, wenn sie aus Gewächshäusern stammen. Dazu:

"Bereits heute entstehen etwa 40 Prozent aller auf dem Markt befindlichen Lebensmittel unter Einsatz gentechnisch hergestellter Enzyme, Stärken, Vitamine und Zusatzstoffe", zitieren die Autorinnen 1997 den Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt.

Sie benennen auch Zusätze wie Aminosäuren, Vitamine, Süssstoffe, Enzyme und die Zuckeraustauschstoffe wie Glukosesirup oder Fructose, die sich auch in Bonbons, Lakritze, Marmelade oder Puddingpulver befinden. (S. 95)

Redaction comment

In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass z.B. Xylitol, Xylit oder Birkenzucker sehr gut gegen Zahnkaries (Karies) wirkt. Xylitol, Xylit und Birkenzucker sind Trivialnamen für ein Stereoisomer (Isomerie) von Pentanpentol, einem Zuckeralkohol, den man auch als Zuckeraustauschstoff (E 967) findet.

Xylitol hat eine ähnlichen Geschmack und ähnliche Süßkraft wie Saccharose. 1890 hat der Nobelpreisträger (1902) Hermann Emil Fischer (1852-1919) das Xylitol als Süssungsmittel entdeckt. Xylitol ist ein relativ teurer Zuckeraustauschstoff - aber mit hoher Anti-kariogener Wirkung, wirkt also gegen Plaquebakterien.

Für einige Tierarten wie Hunde, Rinder, Ziegen, Kaninchen etc. ist Xylitol schon bei einer Dosis von 0,1 g pro kg Körpermasse giftig, bei 3-4 g tödlich.

Birkenzucker bzw. Xylitol kommt neben Sorbitol als natürlicher Zuckeralkohol in vielen Gemüsesorten (u. a. Blumenkohl) und Früchten (u. a. Pflaumen, Erdbeeren, Himbeeren) vor, jedoch meist mit einem kleineren Anteil an Trockenmasse als 1 %.

Siehe auch positiv bewertete Süssstoffe aus Stevia.

Die gentechnisch veränderte Soja-Pflanze existiert seit November 1996 und deren Bohnen kommt in mehr als 30'000 Nahrungsmitteln vor.

Die Politik hat die Novel Food-Verordnung für solche gentechnisch veränderte Produkte geschaffen, um ein grösseres wirtschaftliches Potential zu erreichen. Die Kennzeichnungspflicht besteht nur ab einem bestimmten Anteil und überhaupt nicht für Zusatzstoffe wie Aromen und Enzyme.

Nur fünf bis zehn Prozent der Lebensmittel, die mit Hilfe der Gentechnik hergestellt werden, unterliegen nach dieser Regelung einer gesonderten Ausweispflicht. (S. 100)

Unter dem Titel "Laborrezepte" finden wir Informationen über Surimi. Das bezeichnet ursprünglich ein Krebsfleischimitat aus gehacktem mit Zucker gegarten und gelierten Fisch.

Diese Masse ist aufgepeppt mit Aromen, Geschmacksverstärkern und anderen Zusätzen.

Eine proteinreiche Kreation (aus Fäkalien), die in Textur, Geruch und Geschmack sogar ein Metzger nicht von Rindfleisch unterscheiden konnte

Als Basis dienen verschiedene Fischarten, die auf riesigen Fabrikschiffen zu Mehl, Öl und dem Imitat verarbeitet werden.

Aber: Surimi ist oft aus Imitaten statt aus Fisch erzeugt. Dies verdeutlichen 1994 durchgeführte Stichproben in 70 % der Fälle.

Das Zeug essen wir z.T. sogar als teure Shrimps, Tintenfische, Garnelen oder Krebsfleisch.

Die gefrierstabilisierte Proteinmasse ist lange haltbar und dient mit Aromen, Zusatz- und Geschmacksstoffen zum Bestandteil von Wurst, Käse, Pizza, Suppen, Tierfutter, Babynahrung oder Kartoffelchips. (S. 102)

Ein ähnliches Rohmaterial, doch aus einem Schimmelpilz isoliert, nennt sich Quorn.

Mit Quorn hat das Folgende nichts zu tun: Japanische Chemiker entwickelten - mehr um zu demonstrieren was alles möglich ist – aus Fäkalien (also Kot) eine proteinreiche Kreation, die in Textur, Geruch und Geschmack sogar ein Metzger nicht von Rindfleisch unterscheiden konnte.

Redaction comment

Anmerkung: Quorn bezeichnet ein Grossverteiler in der Schweiz als Cornatur, um das Produkt exklusiv zu bringen.

2.5. Machtpolitik

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