Einfach erklärt: Wie kommt TFA ins Essen und Trinkwasser? Ist die kleinste Ewigkeitschemikalie reguliert? Was kann ich gegen TFA tun?

Dieser Beitrag fasst das Wesentliche aus dem ausführlichen Artikel "TFA: Die kleinste Ewigkeitschemikalie - Problem ungelöst" zusammen. Die dort genannten 66 Quellen, meist wissenschaftliche Studien, gelten für beide Beiträge.
Trifluoressigsäure (Trifluoroacetic acid bzw. TFA) ist eine sogenannte Ewigkeitschemikalie. Dies bedeutet, dass sie sehr robust ist und in der Umwelt nicht abbaut.
TFA ist extrem klein und sehr mobil. Filter und Kläranlagen können sie nicht entfernen. Der Regen verteilt sie weltweit.
Sie gelangt über Boden und Wasser in Nutzpflanzen und so in Lebensmittel wie Brot, Kekse, Wein und Orangensaft. Über die Nahrung und das Trinkwasser nimmt der Mensch TFA täglich auf. Tierversuche belegen gesundheitsschädliche Wirkungen – belastbare Studien zu den Auswirkungen auf den Menschen fehlen bislang.
Trifluoressigsäure gehört zur Chemikaliengruppe der PFAS (Per- und Polyfluoralkylsubstanzen). TFA ist eine ultrakurzkettige Verbindung. Sie besteht aus nur zwei Kohlenstoffatomen, vollständig mit Fluor ummantelt. Langkettige Varianten enthalten mehr als sechs Kohlenstoffatome, etwa PFOA oder PFOS. Diese haften an Sedimenten, bauen im menschlichen Körper hohe Konzentrationen auf und verweilen dort jahrzehntelang.
TFA ist dagegen vollständig wasserlöslich und gelangt über Regen und Luft überall hin. Das Arktiseis, Schnee auf Spitzbergen, Proben aus dem zentralen Pazifik: ForscherInnen finden TFA weltweit, auch weit entfernt vom Ursprung der Emissionen.
TFA kommt in nahezu allen Gewässern vor – im See, im Meer und im Fluss, teilweise auch im Grundwasser. Sie erreicht über Bewässerung, Pestizide und Regen den Acker und damit die Nahrungskette. Pflanzen reichern sie in oberirdischen Teilen an (Früchten, Samen, Körnern, Blättern). TFA steckt darum auch in Lebensmitteln wie Keksen, Brot, Orangensaft und Wein – in weit höheren Konzentrationen als im Trinkwasser.
Die chemische Industrie (Fluorchemie- und Agrochemiekonzerne) produziert seit Jahrzehnten Substanzen, aus denen TFA als Abbauprodukt hervorgeht. Zusätzlich gelangt TFA aus pharmazeutischen Prozessen direkt in die Umwelt.
Kältemittel:
Klimaanlagen und Wärmepumpen enthalten fluorierte Kältemittel. Diese zerfallen in der Atmosphäre zu TFA. Der Regen verteilt TFA anschliessend weltweit.
Problematisch dabei ist: Das Kältemittel HFO-1234yf (HFO = Hydrofluorolefine) löste den Vorgänger HFC-134a als Klimaschutzmassnahme ab, wegen seines niedrigen Treibhauspotenzials. Die TFA-Bildungsrate liegt allerdings höher als beim alten Kältemittel. Eine politische Ironie: Die Klimaschutzmassnahme verschärft ein Chemikalienproblem.
Pestizide:
Auch bestimmte Pflanzenschutzmittel tragen fluorierte Wirkstoffe oder Hilfsstoffe. Die Landwirtschaft setzt sie als Fungizide, Herbizide und Insektizide ein. Die Pestizide zerfallen im Boden zu TFA und kontaminieren so Böden und Flüsse.
Pharmaindustrie:
TFA setzt man zudem in der Produktion von medizinischen Produkten ein. Produktionsabwässer tragen TFA direkt in Kläranlagen. Eine Entfernung durch normale Kläranlagen ist nicht möglich.
Ein wichtiger Hinweis zur Herkunft:
TFA entsteht ausschliesslich durch menschliche Aktivität. Das Argument, sie komme auch natürlich vor, ist wissenschaftlich widerlegt. Vorindustrielle Eisbohrproben und Grundwasserarchive enthalten keine nachweisbare TFA.
Pflanzen nehmen TFA mit dem Bodenwasser auf. Das Wasser verdunstet durch kleine Öffnungen in den Blättern. TFA bleibt dabei in der Pflanze zurück – in Blättern, Früchten und Körnern akkumuliert der Stoff zunehmend. Blätter nehmen TFA auch über die Luft auf. Deshalb enthalten viele Lebensmittel TFA – teilweise in grossen Mengen.
Zum Vergleich: Europäisches Leitungswasser enthält im Durchschnitt 740 ng/L. Die Werte in Lebensmitteln liegen um ein Vielfaches höher:
Beispiele von TFA in Lebensmitteln
Eine Untersuchung 2025 mit 48 Proben biologischer und konventioneller Nahrungsmittel belegte: Konventionelle Produkte tragen mehr als dreimal so viel TFA wie Bio-Produkte. Atmosphärischer Niederschlag erreicht jeden Acker. Deshalb weisen Bioflächen ohne eigenen Pestizideinsatz ebenfalls TFA auf.
PAN Europe berechnete: Erwachsene, die täglich eine durchschnittliche Menge an Getreideprodukten essen, überschreiten die vorgeschlagene tolerierbare Tagesdosis um das 1,5-Fache. Kinder überschreiten sie um das 1,8-Fache – bei dem von PAN Europe verwendeten Richtwert von 1800 ng/kg Körpergewicht pro Tag. Legt man den strengeren Sicherheitswert von 320 ng/kg zugrunde, den PAN Europe vom niederländischen Trinkwassergrenzwert ableitete, liegt die Überschreitung bei Kindern beim Vierfachen.
Dieser Richtwert stammt nicht von einer EU-Behörde. Einen EU-Grenzwert für TFA in Lebensmitteln kennt das europäische Recht bislang nicht (Stand: März 2026).
TFA ist chemisch stabil, aber nicht biologisch inert – das heisst, sie ist im Körper nicht wirkungslos. Sie zirkuliert im Blut, in der Lymphe und in der Gewebeflüssigkeit.
Die Plasma-Halbwertszeit beträgt bei TFA zwar "nur" ein bis zwei Tage – langkettige PFAS hingegen verweilen fünf bis acht Jahre im menschlichen Körper. Dennoch dürfen uns 1-2 Tage nicht harmlos erscheinen, denn vergleichbare Substanzen wie Essigsäure baut der Körper binnen Minuten ab.
Nahrung und Wasser halten den TFA-Körperspiegel konstant, solange die Umweltbelastung nicht sinkt. Da diese aktuell stetig steigt, nimmt auch die Belastung zu. Auch fluorierte Arzneimittel tragen zur inneren TFA-Belastung bei: Narkosegase wie Isofluran sowie Wirkstoffe wie Nirmatrelvir (Paxlovid) oder Fluoxetin baut der Körper zu TFA ab.
Biomonitoring-Studien dokumentieren TFA im gesamten Körper, einschliesslich Plazenta und Nabelschnurblut. Bei 55 % der 66 untersuchten Mutter-Kind-Paare wiesen ForscherInnen TFA nach.
TFA beeinflusst Rezeptoren, die zentrale Stoffwechselprozesse steuern, wie Fett- und Energiestoffwechsel. Aus Tierversuchen ist bekannt, dass TFA gesundheitsschädigende Wirkungen aufweist: Anomalien an Augen, reduziertes Körpergewicht bei Nachkommen, Skelettmalformation sowie beeinträchtigte Leber- und Nierenfunktionen. Die EU-Behörde ECHA prüft daher, ob TFA die Fortpflanzung schädigt (reproduktionstoxisch ist).
Die in Tierstudien verwendeten Dosen lagen zwar deutlich über der heutigen menschlichen Tagesaufnahme – eine Entwarnung rechtfertigt das aber nicht. Denn niemand weiss heute, welche gesundheitlichen Folgen entstehen, wenn niedrige Konzentrationen über Jahrzehnte wirken. Epidemiologische Studien am Menschen fehlen bislang – die Befunde aus Tierversuchen bleiben daher der einzige verfügbare Ausgangspunkt.
TFA fällt in eine regulatorische Grauzone. Die EFSA nahm TFA nicht in ihre PFAS-Risikobewertung von 2020 auf – zu wenig Daten lagen vor. Deshalb gelten die Trinkwasser- und Lebensmittel-Grenzwerte nur für klassische PFAS – nicht für TFA.
In der Folge entwickelten nationale Fachbehörden eigene Bewertungsansätze. Das deutsche Umweltbundesamt (UBA) setzte einen maximalen Richtwert von 60'000 ng/L für TFA im Trinkwasser fest. Der vorsorgliche Sicherheitsgrenzwert beträgt 10'000 ng/L. Zuvor hatte das niederländische Rijksinstituut voor Volksgezondheid en Milieu (RIVM) einen deutlich niedrigeren, indikativen Richtwert von 2200 ng/L vorgeschlagen.
Das Schweizer Bundesamt für Umwelt (BAFU) erfasst TFA im nationalen Gewässermonitoring. An rund 60 % der Messstellen liegen Grundwasserwerte zwischen 1000 und 5000 ng/L. Einzelne Standorte überschreiten 10'000 ng/L. Die Schweizer Trinkwasserverordnung kennt keinen Grenzwert für TFA (Stand 2026).
Ein positives Gegenbeispiel: Dänemark widerrief 2025 die Zulassungen für 23 Pestizide, weil diese TFA bilden – ein konkreter Schritt, den andere Länder bisher nicht vollzogen haben.
Die Geschichte der Schadstoffe lehrt: Politische Massnahmen kommen zu spät, kosten zu viel und treffen die Falschen. Bei TFA liegt das Wissen früher vor als bei PFOA und PFOS. Das bietet eine seltene Chance, das Muster zu durchbrechen.
Langzeitstudien zur chronischen Exposition bei Menschen fehlen weitgehend – was bei Umweltchemikalien der Regel entspricht, nicht der Ausnahme. Nur weil keine Daten vorliegen, ist ein Risiko nicht ausgeschlossen. Ob Behörden, Hersteller und Öffentlichkeit dieses Mal schneller handeln, bleibt offen.
Politisch verdienen drei Bereiche dringende Aufmerksamkeit: der Umstieg auf TFA-freie Kältemittel und Pestizide, verbindliche Grenzwerte in Trinkwasser und Lebensmitteln sowie die Sanierung von Emissionsquellen nach dem Verursacherprinzip.
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